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7. Juli 2020

Virale Zeiten – Zwischen Wahn und Wirklichkeit

Die Rolle der Kommunikation im Rahmen von Covid-19

Hatten Sie Ende Januar diesen Jahres eine Meinung zu Corona? Wenn nicht, wie sind Sie dann an Ihre Meinung gekommen? Haben Sie sich unabhängig von äußeren Einflüssen, verfügbare Statistiken zur Hand genommen und diese selbst bewertet, verglichen und eingeordnet, haben Sie Verhältnisse betrachtet und ein realistisches Risiko abgeschätzt? … Wenn nicht, was taten Sie dann? Wenn Sie nichts davon taten, dann haben Sie wahrscheinlich wie der Großteil der Bevölkerung das Fernsehprogramm eingeschaltet und sich erzählen lassen, woran sie fortan glaubten.

Auch mir ging es so. Zu Beginn der Entwicklung rief ich meine Familie an und bat meine Schwester, sie solle die Kinder, meine Nichten, die erste Zeit von unserer Mutter fernhalten. Die bildhaften Nachrichten waren zweifelsohne besorgniserregend. Doch mit zunehmender Auseinandersetzung mit der Gefahr, die ich ja auch nun an meine Familie propagierte und deswegen besser kennen wollte, schuf ich mir eine Bewertungsgrundlage, die es mir ermöglichte Covid-19 in alle sonstigen Gefahren des Lebens einzuordnen und mit der betriebenen Kommunikation abzugleichen. Abseits der klassischen Medien gab es ernstzunehmende Kritik, die unter schwachen Argumenten zunehmend diskreditiert und unterdrückt wurde, obwohl immer klarer werden musste, dass die angestrebten Maßnahmen, immense Kollateralschäden verursachen und ihre Abwendung ebenso verteidigt werden müsste. Dennoch wuchs die Unbeirrbarkeit, das Narrativ wurde zementiert, es gab eine Agenda.

Meine kognitionswissenschaftliche Vorbildung war sicherlich hilfreich, den Vorgang der Einstellungsbildung kritischer zu betrachten, Zahlen und Statistiken (auch wenn sie Horrorszenarien zeichneten) besser einschätzen zu können, zumindest zu wissen, dass sie mit großer Vorsicht zu genießen sind. Zusammen mit meinem Partner schien ich mit meiner Ansicht allein. Freunde und Bekannte, auch Familie, waren angsterfüllt. Sicher ist sicher. Es schade ja nicht (wie bitte?) und es sei schwierig in so einer Situation zu entscheiden, heißt es. Schwierig ja, aber nicht alternativlos! Ich überprüfte mich ständig, kein Tag verging ohne Zweifel, doch für mich änderte sich die Sachlage nicht. So kommunizierte ich offen darüber. Nach und nach kamen zunehmend mehr Personen in mein Netzwerk, oder auch ich in Ihres. Personen, aus verschiedensten Fachbereichen, Berufen, Altersgruppen und Regionen. Experten mit Sachverstand, Entscheider/innen, die die Vogelperspektive gewohnt sind und Verantwortung tragen, Arbeitnehmer/innen in guten Positionen, die keinen existenziellen Grund hätten aufmüpfig zu sein, sondern im Gegenteil Gefahr laufen sich unbeliebt zu machen; ausgestattet mit Scharfsinn und einer gesunden Portion Zweifel, nicht des Prinzips oder irgendeiner Parteizugehörigkeit wegen, sondern augenscheinlicher Unverhältnismäßigkeit. Menschen, die sich irregeführt fühlen.

Covid-19 in den Medien

Meine kritische Haltung gründe ich im Wesentlichen auf diesen vier Merkmalen der Kommunikation:

1. Einseitige Informationen

Im Gegensatz zu diesem Artikel empfinde ich die Berichterstattung (und natürlich berücksichtige ich auch für mich selbst Biases wie den Hostile Media oder den Third Person Effect), alles andere als “angemessen”, sondern als einseitig, konform und diskursscheu. Aufgrund dessen ist es auch nicht verwunderlich, dass sich einige deutsche Medienhäuser Vorwürfe zu fragwürdigen Spenden von Seiten der BMG Stiftung aussetzen lassen müssen. Daran wird auch der Deutsche Fernsehpreis für die beste Corona-Berichterstattung wenig ändern.

Das interne, mittlerweile auf der Homepage bereitgestellte Szenarienpapier des Bundesinnenministeriums sieht pauschal „eine umfassende „Mobilisierungskampagne“ vor, nach der „Devise: «es kommt etwas sehr Bedrohliches auf uns zu (…). Um die gesellschaftlichen Durchhaltekräfte zu mobilisieren, ist das Verschweigen des Wor(s)t Case keine Option.” Weiter heißt es:

„Wir müssen wegkommen von einer Kommunikation, die auf die Fallsterblichkeitsrate zentriert ist. Bei einer prozentual unerheblich klingenden Fallsterblichkeitsrate, die vor allem die Älteren betrifft (…)“ werden Mechanismen „sicher zur Verharmlosung der Epidemie beigetragen. Um die gewünschte Schockwirkung zu erzielen, müssen die konkreten Auswirkungen einer Durchseuchung auf die menschliche Gesellschaft verdeutlicht werden”. 

Welche das sind, lesen Sie auf Seite 13 des PDF-Dokuments.

Zentrale Elemente der Kommunikation sind 1. die Infektionszahlen und ihr exponentielles Wachstum, 2. Prof. Dr. Drosten, 3. Institute wie RKI oder WHO. Führen Personen wie Prof. Dr. Püschel selbstverantwortlich Forschungsmaßnahmen oder Studien, wie im Falle von Prof. Dr. Streeck, durch, die den mehrheitlichen Botschaften entgegenstehen, so hagelt es Kritik. Generell wird fachkundige Kritik von Seiten Ärzten oder Wissenschaftlern überhört, nicht geklärt oder durch Assoziation mit Reichsbürgertum oder Verschwörungstheorie diskreditiert. Stattdessen dominiert ein Narrativ, das den Weg bereitet für Immunitätsausweise, die Produktion eines Impfstoffes im Schnellverfahren sowie eine Tracing App zur Nachverfolgung von Bewegungen und Kontakten, allerdings ohne das geforderte Begleitgesetz und damit geeignet für viele weitere Anwendungen laut CSU-Digitalministerin Dorothee Bär (Video ab 5:45 Min). Interessant.

2. Emotionale Botschaften und Furchtappelle

Zu den emotionalen Botschaften zählen Äußerungen wie “größte Herausforderung seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs”, aber auch die Bebilderung der Berichterstattung. Haben Sie sich über Hamsterkäufe geärgert? Bilder von leer gekauften Supermärkten haben ihn sicher nicht voller gemacht.

Bilder werden fast immer zuerst betrachtet, sie werden intuitiv aufgefasst, schneller verarbeitet sowie unter geringer kognitiver Beanspruchung gelernt und sind glaubwürdig. Man kann sich vor ihrer Wirkung nicht entziehen, doch sie sind nicht repräsentativ und erwecken die Illusion den gesamten Kontext verstanden zu haben. Es gibt Bilder und Bildelemente, die den Betrachter mit hoher Zuverlässigkeit aktivieren, dazu gehören Gesichter oder auch Themen wie Tod und Krankheit. Aktivierende Bilder lösen beim Betrachter sofort eine große Menge an Assoziationen und Emotionen aus. Emotionen regeln wiederum die Einstellungen, Motive und die Handlungsbereitschaft von Personen und prägen wesentlich alle weiteren Beurteilungen, auch wenn sich die Bewertungsgrundlage als falsch erweist. Die Folge: Angst, Hysterie, Panik, neue Normen, Denunziation. Insbesondere Furchtappelle können große kognitive Dissonanzen verursachen, mit dem nachgelagerten Wunsch diese zu lösen und das dafür notwendige Verhalten an den Tag zu legen.

Es handelt sich um eine traurige Situation, aber irgendwie ist es für die Mehrheit zumindest auch eine einende und sogar angenehme Erfahrung. Wir schauen raus in die Welt, empfinden Mitleid und sind gleichzeitig froh, dass es uns selber gut geht. Wir haben die Furchtappelle auf der einen, den Aufruf #gemeinsamstark und optimistisch zu sein, auf der anderen Seite. Während im Juni die Arbeitslosenzahl um 40.000 auf 2,853 Mio. steigt, gibt es auch durchaus viele Branchen und Positionen, in denen Personen wenig beeinträchtigt sind. Sie arbeiten im Home Office und erleben eine gewisse Entschleunigung. Alles was sie aufgeben ist maximal der Jahresurlaub, was sie bekommen das Gefühl Menschenleben zu retten. Denn Corona ist von Bildern geprägt. Das induziert Angst, die alles rechtfertigt was notwendig ist um eine Katastrophe abzuwenden, während die perzeptuelle Salienz des nicht-evidenzbasiert entschiedenen Lockdowns als Ursache für das Sinken der Fälle wahrgenommen wird, was dazu führt, dass wir Dinge zusammenbringen, die nicht zusammengehören und auch weiterhin irrationale Entscheidungen treffen, die in einem äußerst fragwürdigen Verhältnis zu den Ergebnissen stehen.

3. Irreführende Statistik

Hinzukommend zu emotionalen Botschaften mit manipulativer Wirkung zähle ich:

– Die Vernachlässigung von Basisraten in der medialen Berichterstattung, welche allerdings den Vergleich zu anderen Todesursachen möglich machen, Verhältnisse veranschaulichen und eine Einordnung ins normale Leben bewirken würde. Stattdessen werden absolute Zahlen verwendet und Angst geschürt. Die empfohlene Verschleierung der Fallsterblichkeit ist grotesk.

– Den Fokus auf Infektionszahlen: Eine Infektion ist nicht gleichbedeutend mit einer Erkrankung, die wiederum in den wenigsten Fällen zu einem schweren Krankheitsverlauf oder gar Krankenhausaufenthalt führt. Doch führt diese fehlende Unterscheidung zu einer Überbewertung der damit einhergehenden Gefahr. Um genau zu sein ist sogar der Begriff der “Infizierten” irreführend, da lediglich eine positiv auf Covid-19 getestete Person gemeint ist, weswegen es sich um eine Stichprobe einer Gesamtpopulation handelt und keineswegs um alle infizierten Personen. Die unbekannte, da unbemerkte Dunkelziffer ist auch hier wie immer höher.

– Die fehlende Differenzierung des Kausalzusammenhanges: Es wird nicht unterschieden, ob Personen an oder mit Corona versterben. In Ländern wie den USA und Belgien werden Fälle sogar auf Verdacht oder pauschal erfasst. Das könnte auch mitunter die hohen Fallzahlen erklären.

– Der Zeitraum der Betrachtung: Die Wirkung einer Kurve von zwei Wochen um den Höhepunkt einer Grippewelle herum ist deutlich steiler und gestauchter, und wirkt sehr viel bedrohlicher als die Betrachtung derselben Kurve innerhalb eines Jahres. Im Übrigen kann sich eine kurzzeitige Übersterblichkeit bei der Betrachtung von ein paar Tagen über ein Jahr hinweg durchaus zu einer Untersterblichkeit relativieren.

– Die Verlässlichkeit des verwendeten PCR-Tests: Während die Tagesschau von einer Fehlerquote von rund 20% berichtet, stellt z.B. das Ärzteblatt sogar fest: “70 % der als positiv getesteten Personen sind gar nicht positiv, ihnen wird aber Quarantäne verordnet.”

– Die Berücksichtigung der Testmenge: Wird eine Testung ausgeweitet, steigen die Zahlen, da man schlichtweg mehr Fälle findet. Wichtig ist hier eine Angabe der Zahlen im Verhältnis, z.B. pro 100.000 Testungen. Ist dies nicht de Fall, so betrachtet man absolute Angaben, die aussehen wie exponentiell steigende Balken in einem Diagramm, da sie auf unterschiedlichen Ausgangsbedingungen gründen!

Mehr Tests, mehr Fälle: Nur die blaue Kurve zeigt die Infiziertenzahlen im korrekten Verhältnis zu der Anzahl der Tests. Man sieht, die Entwicklung verläuft mäßiger und fallend.

4. Falschfinformationen, Widersprüche und unethische Manipulation

Wir sahen Bilder mit Särgen von Corona-Verstorbenen, die nachweislich auf Lampedusa von 2013 zurückgeführt werden konnten. Wir hörten, dass es keinen Lockdown geben wird, bevor zwei Tage später Schulen geschlossen wurden. Wir hörten, dass Mund-Nasen-Masken nicht sinnvoll sein können und haben doch eine ausgedehnte Maskenpflicht; und das obwohl nach wie vor wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit gegen die Übertragung von Viren fehlt. Hinzu kommen inkonsistente Regeln, gerade auch im Hinblick auf das Tragen eines MNS, die wahlweise durch ein Stück Stoff ersetzt werden kann.

Die Geschichte zeigt, dass es sich bei Falschinformationen zu oft auch um Lügen handelte, die in der Folge z.B. Kriege legitimierten. Aktuell werden auf Basis von Falschinformationen nicht nur Menschen vor Infektionen geschützt, sondern täglich Existenzen zerstört, Fehlinvestitionen in Milliarden Höhen getätigt und Gesellschaften entzweit.

“Der Worst Case ist mit allen Folgen für die Bevölkerung in Deutschland unmissverständlich, entschlossen und transparent zu verdeutlichen. (…)
Die Wirkung der Maßnahmen lässt sich am besten durch Ausweiten des Testens für alle Bürger in Echtzeit nachvollziehbar machen. (…) Großflächiges Testen vermittelt den von Ausgangsbeschränkungen betroffenen Bürgern ein aktives Krisenhandeln des Staates. (…) Dies erlaubt eine mit allen Bürgern geteilte Beobachtung der Ausbreitung und Eindämmung. Ein der Lage angemessenes und schrittweises Eingreifen in wirtschaftliche und gesellschaftliche Abläufe wird dadurch erst ermöglicht und die Akzeptanz und Sinnhaftigkeit von freiheitsbeschränkenden Maßnahmen erhöht.”

BMI Szenarienpapier, S. 1

Schade, dass es dem Bund augenscheinlich um die konsistente Wirkung und nicht darum geht, die Maßnahmen von Gesundheitsfaktoren abhängig zu machen, so viel wie nötig und so wenig wie möglich einzugreifen und täglich zu prüfen, ob Maßnahmen überhaupt erforderlich sind.

Covid-19 im Verhältnis

In Deutschland sterben innerhalb eines Jahres regulär rund ca. 950.000 Personen, das entspricht täglich 2.500 Personen, weltweit beläuft sich die Zahl auf ca. 50 Millionen Personen.

Stand heute, wurden in Deutschland rund 197.000 Personen positiv auf Covid-19 getestet, verstorben sind 9.000, wobei die viel beschworenen Infektionszahlen bereits vor dem Lockdown vom 23. März fielen und Zentren für evidenzbasierte Medizin mittlerweile eine globale IFR Rate von 0,28% errechnen. Das entspricht in etwa einer Letalität und damit Gefährlichkeit einer saisonalen Grippe.

Weiteres Beispiel:

Sterblichkeit im Jahresvergleich am Beispiel Österreich: Die dicke blaue Kurve entspricht dem Durchschnitt, die unten an der x-Achse verlaufende dünne blaue Kurve entspricht den Covid-19 positiven Sterbefällen und die rote Linie allen Sterbefällen zusammen.

Weltweit:

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Woher das BMI in Anbetracht der hier sichtbaren Zahlen “aus Asien” weiß, “dass eine Unterschätzung der Größenordnung dieser Herausforderung zu immensen, irreversiblen Schäden führen wird” ist unklar (S. 1).

Im Verhältnis dazu:

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Dazu ein paar Stellungnahmen

Stanford-Professor John Ioannidis – Er erklärt in einem Interview mit CNN, dass Covid19 eine “verbreitete und milde Erkrankung” sei, die für die Allgemeinbevölkerung gleich gefährlich oder sogar weniger gefährlich als die Grippe sei. Zu schützen seien insbesondere Patienten in Pflegeheimen und Krankenhäusern.

Stanford-Professor Dr. Scott Atlas – Er erklärt in einem Interview mit CNN, dass man “durch die falsche Idee, Covid19 stoppen zu müssen, eine katastrophale Situation im Gesundheitsbereich geschaffen” habe. Es seien irrationale Ängste erzeugt worden, denn die Erkrankung sei “insgesamt mild”. Deshalb gebe es auch “absolut keinen Grund” für umfangreiche Testungen in der Allgemeinbevölkerung, diese seien nur gezielt in Krankenhäusern und Pflegeheimen erforderlich. Professor Atlas verfasste Ende April einen Artikel mit dem Titel “Die Daten sind da – Stoppt die Panik und beendet die totale Isolation”, der über 15.000 Kommentare erzeugte.

Virologe Prof. Hendrik Streeck – Er erklärt in einem neuen Interview die finalen Resultate seiner Antikörper-Studie. Streeck fand eine Covid19-Letalität von 0.36%, erklärt jedoch, dass dies eine Obergrenze sei und die Letalität vermutlich im Bereich 0.24 bis 0.26% oder sogar darunter liege. Das Durchschnittsalter der testpositiven Verstorbenen lag bei ca. 81 Jahren. Laut Professor Streeck ist es keine gute Strategie, auf einen Impfstoff zu warten, da die Machbarkeit und Wirksamkeit eines Impfstoffes unsicher sind.

Biologieprofessor und Nobelpreisträger Michael Levitt – Er befasst sich seit Februar mit der Ausbreitung von Covid19, beschreibt den allgemeinen Lockdown als einen “riesigen Fehler” und fordert gezieltere Maßnahmen, insbesondere zum Schutz der Risikogruppen.

Emeritierte Mikrobiologie-Professor Sucharit Bhakdi – Er erklärt in einem neuen Interview, dass Politik und Medien zu Covid19 eine “unerträgliche Angstmacherei” und eine “unverantwortliche Desinformation” gegenüber der Bevölkerung betreiben. Atemschutzmasken für die Allgemein­bevölkerung seien gesund­heits­schädliche Keimfänger. Die gegenwärtige Krise sei von den Politikern selbst herbeigeführt worden und habe wenig mit dem Virus zu tun. Ein Impfstoff gegen Coronaviren sei wie schon bei der Schweinegrippe “unnötig und gefährlich”. Die WHO übernehme für ihre vielen Fehlentscheidungen seit Jahren keine Verantwortung.

Dies ist ein Auszug aus dem Swiss Policy Research vom Mai 2020.

Zurück zu den Medien und etwas Theorie

Obwohl die Theorie der starken Medien und Erklärungsansätze für die Wirkung medial dargebotener Inhalte wie die Agenda Setting Theorie bereits Erweiterung erfahren hat, greift in Zeiten großer Unsicherheit alte Forschung nach wie vor. Diese postuliert, dass Medien durch die Themenwahl in der Lage sind die Relevanz von Themen zu vermitteln und in Folge dessen bestimmen zu können, worüber Menschen nachdenken.

“Häufig erwähnte Themen ziehen unsere Aufmerksamkeit auf sich, während andere aus dem Bewusstsein verschwinden. Andererseits entspricht das, worüber die Medien berichten, ihrer Einschätzung dessen, was die Öffentlichkeit gegenwärtig bewegt. Es ist kein Zufall, dass autoritäre Regime unabhängige Medien unter erheblichen Druck setzen. Da das Interesse der Öffentlichkeit am leichtesten durch dramatische Ereignisse (…) geweckt wird. (…) Über höchst wichtige, aber langweilige Themen, die weniger herzergreifend sind, wie etwa sinkende Bildungsstandards oder die Überinvestition medizinischer Ressourcen im letzten Lebensjahr, wird dagegen kaum berichtet.”

Sozialpsychologe und Forscher Daniel Kahnemann (2011)

Heute geht man in der Medienwirkungsforschung von einer indirekten Beeinflussung von Rezipienten durch Medien aus. Der Two-Step Flow gehört den Erklärungsansätzen der schwachen Medien an und erklärt, dass Kommunikation tatsächlich eher über Meinungsführer wirkt, die die Nachrichten über Massenmedien erhalten und dann persönlich an the man on the street vermitteln.

Lazarsfeld, Berelson & Gaudet führten im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf von 1940 eine Studie durch und erhoben die Wahlabsichten von Personen vor und nach der Wahlentscheidung. Sie stellten fest, dass sich Personen zum einen zu Beginn des Wahlkampfes bereits entschieden und ihre Meinung danach nicht mehr geändert hatten, die Medieninhalte nutzten, mit denen sie übereinstimmten und andere Inhalte mieden, und zum anderen den größten Einfluss nicht die Berichterstattung, sondern Freunde und Bekannte auf sie hatten, insbesondere sog. Opinion Leader. Wenn sie zwischenzeitlich Medien nutzten, dann um sich Argumente einzuholen und sich sozial austauschen zu können. Ist die Situation jedoch besonders unsicher und krisenhaft, liegt eine sehr hohe Tendenz vor, sich klassischen Massenmedien und Autoritäten zuzuwenden. Ansonsten findet Beeinflussung über Meinungsführer und das Umfeld von Personen statt, während Massenmedien indirekt die Agenda bestimmen. —

Doch Medien stellen eine Verzerrung der Wirklichkeit dar. Dazu dieses Gemälde von René Magritte.

Ceci n’est pas une pipe. – “Das ist keine Pfeife”

Was sehen Sie? Die Erkenntnis, die uns die Künstlerin mitteilt, ist erst einmal zu unterscheiden, dass sich Bild und abgebildeter Gegenstand zwar aufeinander beziehen, aber trotzdem nicht identisch sind. Sie sehen somit keine Pfeife, Sie sehen das Bild einer Pfeife.

Medien stellen nicht die Realität dar. Journalisten, Redakteure, Grafiker, Fotografen produzieren, erfassen oder selektieren Inhalte. Sie bewerten, arrangieren, verkürzen – was oft gar nicht anders möglich ist -, gewichten, setzen den Fokus, erzeugen Kontexte oder lassen sie weg. Die wenigsten Inhalte kommen aus erster Hand, sie werden von Nachrichtenagenturen übernommen, von Korrespondenten überliefert, von Meinungsführern interpretiert, sie unterlaufen der Prüfung des Senders, werden zensiert, manchmal werden sie auch erfunden. Durch gezielte Wort- und Bilderwahl lässt sich ein Bewertungsrahmen erzeugen, der entsprechende Emotionen hervorruft. Es handelt sich immer um irgendeine Form von Interpretation.

Dennoch konstruieren Abbildungen und mediale Inhalte unsere Realität, und sie konstruieren sie auch falsch, wenn wir alles was wir sehen und hören, glauben. Wenn wir übermäßiges Vertrauen, trotz menschlicher Fehlbarkeit auf der einen und Interessenskonflikte oder absichtliche Täuschung auf der anderen Seite, haben. Es ist meiner Meinung nach hoch fragwürdig, wenn Präventionsmaßnahmen, die gleichzeitig große Verluste und Missstände verursachen, nicht hinterfragt werden (dürfen). Geht es insbesondere um die Wirtschaft, wird oft geschwiegen. Oder moralisiert. So viele Menschen können sich schließlich nicht irren?! Doch, und die Grundlage dafür ist Folgende.

Imitation

Das Verhalten anderer und Emotionen wie Angst sind hoch ansteckend. Die Neigung und Fähigkeit zur Nachahmung beobachteten Verhaltens ist allgegenwärtig bei Mensch und Tier. Sie ist angelegt und entsteht im neuronalen Beobachtungs-Ausführungs-Spiegelsystem durch sog. Spiegelneuronen (Rizzolatti, Fadiga, Fogassi & Gallese, 2002). Sie lösen in unserem Hirn dieselben Impulse aus, wenn wir ein Verhalten nur beobachten statt es selber auszuführen. Wenn andere Menschen leiden, dann fühlen wir das Leid nach. Menschen sind soziale Wesen, wir nutzen andere als Informationsquelle und zur Bestätigung. Dabei berücksichtigen wir aber nicht, dass öffentlich eher die Meinungen geäußert werden, die beliebt, nicht unbedingt z.B. verhältnismäßig sind. Weil wir andere als Informationsquelle betrachten, führt der Einfluss anderer Menschen in der Folge zu Konformität und leitet unser Verhalten. Keiner will Außenseiter sein, alle wollen geliebt werden und die meisten ihre Rolle oder einen Auftrag #wirgegencorona so gut wie möglich erfüllen. Klingt erstmal gut, kann aber auch weitreichende Folgen haben. Hannah Arendt schlussfolgerte in ihrer Analyse aus dem Jahr 1964 über Adolf Eichmann, also zu einer Problematik aus einer Zeit, die für massenpsychologische Prozesse gefundenes Fressen ist, dass die Gefahr nicht unbedingt in Ausbrechern, sondern vielmehr in der Gedankenlosigkeit und Unfähigkeit selbst zu denken liegt. Arendt beschrieb Eichmann als „Hanswurst“, als eine Durchschnittsperson, die ihren Job gut machen wollte, und sprach von der “Banalität des Bösen“. Die ursprüngliche Grundlage oder das Motiv unserer Entscheidungen muss nicht unbedingt böse sein. Schließlich ist niemand vor Irrtümern oder Fehlern gefeit. Aber einmal getroffene Entscheidungen können eine sachgrundlose Eigendynamik annehmen. Welche psychologischen Phänomene daran beteiligt seien können, habe ich in meinen beiden vorherigen Artikeln zusammengetragen. Doch wie Eigendynamiken entstehen ist spezieller und kann nur annähernd beleuchtet werden.

Wesentlich dabei wie sich Informationen und Verhaltensweisen verbreiten, sind andere Menschen, was in der Medienwirkungsforschung unter dem Meinungsführer Konzept verstanden wird. Im Marketing wird genauer zwischen Influencern, Testimonials, Ambassadors, usw. unterschieden. Am Ende sind sie alle Multiplikatoren für Ideen, Meinungen oder Produkte. Prominente, Nachrichtensprecher, Experten/innen, unsere Vorbilder, Personen, die wir bewundern, vermitteln uns, wie auch gemäß des Two-Step Flow Ansatzes, was hip, was relevant, was out, was gefährlich und welches Verhalten sozial erwünscht ist. Wir gucken uns Dinge ab, wir lassen uns emotional gefangen nehmen, wir ahmen nach, was beliebt ist. Wenn andere Länder den Notstand ausrufen, wenn andere Menschen sich sorgen oder Masken tragen, dann werden wir stark dazu tendieren, das auch zu tun. Mund-zu-Mund-Propaganda gibt es wahrscheinlich seitdem es Menschen gibt. Doch seit Social Media verbreiten sich Informationen öffentlichkeitswirksam innerhalb kürzester Zeit sehr viel weiter als zuvor. Dabei ist oft gar nicht mehr erkennbar, wo eine Information ihren Ursprung hat, und hat sie einmal einen bestimmten Punkt überschritten, so passiert das, was wir “viral” nennen. Soziale Netzwerke wirken dabei wie Brandbeschleuniger, denn sie verstärken die sog. Filter Bubble, eine digitale Echokammer, in der sich Personen bewegen. Algorithmen spiegeln uns gemäß unserem Urbedürfnis mehr Beiträge, mit denen wir übereinstimmen als solche, die wir ablehnen. Jedes mal, wenn wir dann auf konträre Meinungen stoßen, sind wir entrüstet.

Aber warum bekommen manche Themen wie Bildungsrückgang oder Chancenungleichheit weniger Aufmerksamkeit als andere und werden sogar viral? Dabei haben sie statistisch gesehen weltweit viel größere Relevanz als Ice Bucket Challenges oder ein Floss Dance. Malcom Gladwell führt in seinem Buch “The Tipping Point” drei Gründe an:

1. Das Gesetz der Wenigen: Nur die richtigen Personen bewirken epidemische Verläufe und erreichen die große Mehrheit glaubwürdig.

2. Den Stickiness Faktor: Die Information muss bestimmte Eigenschaften erfüllen. Es ist sehr hilfreich, wenn sie einfach erzählbar und emotional aufgeladen ist, um Aufmerksamkeit zu erregen und im Kopf kleben zu bleiben.

3. Die Macht des Kontextes: Die Situation darf nicht unterschätzt werden, ein Reiz allein reicht nicht aus. Erst wenn eine Kombination aus begünstigenden Faktoren zusammenkommt, entwickeln sich virale, exponentielle Hotspots.

Abschließend

Womit haben Sie sich über Ihre persönlichen Belange hinaus vor dem Januar 2020 beschäftigt? Ich will mal raten, Greta Thunberg, die Diesel-Affäre, den Brexit, Flüchtlinge, das Dschungel-Camp, die Europawahl? Was denken Sie, wann Corona vergessen sein wird und wie lange Menschen im Vergleich dazu die angerichteten existenziellen Schäden noch nachspüren werden? Jeder, der die Situation nicht kritisch prüft, gestaltet die Missstände unserer Gesellschaft leider mit. Es soll kein Vorwurf sein, es ist der Umkehrschluss. Wir brauchen eine nüchterne Bewertung und sachliche, keine Angst machenden Botschaften, sowie Medien (sehen Sie mir eine Pauschalisierung an dieser Stelle bitte nach, es gibt natürlich auch viele großartige Journalisten), die sich wieder als vierte Gewalt im Staat begreifen.

Dafür, dass Kommunikation einen immensen Einfluss auf unsere Leben, auf das was wir Realität nennen, hat und haben kann, verfügen die Wengisten über kommunikationspsychologische Kenntnisse oder Medienkompetenz, um bewusst und verantwortlich mit ihr umzugehen. Das gilt sowohl für zwischenmenschliche Kommunikation, für solche in der Politik oder in der Werbung. Ich denke, dass Schulfächer, die diese Kompetenz lehren würden, einen großen Beitrag zur Gesellschaft leisten würden. Denn Kommunikation geht nur, wenn man die Perspektive des Gegenübers einnehmen kann.

Fakt ist, wir haben beides: Das neuartige Virus Covid-19 und die Kommunikation darüber. Beides ist hoch ansteckend, aber ich bin mir nicht sicher was gefährlicher ist.

Was können Unternehmen hieraus lernen?

Wie ich schon in meinen beiden vorherigen Artikeln schrieb, macht eine Krise vor allem Haltungsaspekte deutlich. Wer hat Mut zu unpopulären, aber verhältnismäßigen Entscheidungen, wer kann seine Werte, die er oder sie zuvor hochgehalten hat, auch in Krisenzeiten aufrechterhalten? Wer Haltung hat, ist nachhaltig.

Um zu den besten Ergebnissen zu gelangen und nicht Gefahr zu laufen, weder einseitig zu entscheiden noch die Meinung einer kleinen, aber lauten Gruppe zu bestätigen, sollten sich Firmen divers aufstellen, die Kreativität und die Vielfalt in Wissen erhöhen. Unternehmen können grundsätzlich immer identifizieren, welche Multiplikatoren für ihre Botschaften wichtig sind. Sie können sich vorbereiten, um Kommunikation nicht unter Druck und Angst zu führen, sondern um schnell mit neuen Umständen umgehen und sich thematisch einbringen zu können. Das ist für digitales Marketing ohnehin wichtig, denn für viele Unternehmen führt heute kein Weg an sozialen Netzwerken vorbei. Social Media macht außerdem virale Kommunikation möglich. Das ist gut und schlecht zugleich, denn die Dinge können sich dort schneller ändern als geplant und Dialoge sowohl konstruktiv als auch destruktiv verlaufen. Das erfordert eine professionelle und verantwortungsvolle Leitung, einen Handlungsplan, aber auch ein stabiles unternehmerisches Wertegerüst, einen klaren Markenkern, wenn der Plan einfach mal nicht anwendbar ist, und trotzdem entschieden werden muss, wie verfahren werden soll.

Wenn ich Sie zum Nachdenken anregen konnte, dann hinterlassen Sie mir einen Kommentar mit Ihrem Eindruck! Ich freue mich auf konstruktives Feedback in respektvoller Form.

Veröffentlicht in Kommunikation, Psychologie
7 Kommentare
  • Herr Lässig

    GROSSARTIG!

    19:45 7. Juli 2020 Antworten
  • Hans-Peter Schwandt

    ich stimme hier nur zu und bedanke mich für die fachlichen Erklärungen zu den auch von mir und uns wahrgenommenen Wirkungen. Freue mich über diese fachkundige Anregung zum verantwortungsvollen Handeln und fühle mich in meinem bestätigt!!! Sehr gut!!!

    22:21 7. Juli 2020 Antworten
  • Katrin Streeck

    Sehr gut! Dieser Artikel verdient große Aufmerksamkeit!

    13:06 8. Juli 2020 Antworten
  • Reinhold Scheuss

    Ausgezeichnet, differenziert und sehr gut formuliert. Das Bemühen bewundere ich, jedoch fehlt mir der Glaube, die Hoffnung und die Zuversicht, dass diese wunderbare Aufbereitung irgendjemanden in der politischen und der medialen Machtebene interessiert od gar zum Selbstdenken motiviert.
    Seit den Grünen begann die Diskussion von Glaubensfragen und Meinungen und das Messbare oder ein wissenschaftlicher Gegengedanke wird sofort stigmatisiert. Weil es kann nicht sein, was nicht sein darf. Ich wünsche Ihnen, dass Sie nicht in diese Ecke geraten werden und noch mehr Kraft und Mut gegen den aktuell herrschenden Wahn-sinn mit Qualität anzuschreiben.

    13:53 8. Juli 2020 Antworten
  • Andreas Koch

    Wer immer dir Angst macht, diese verbreitet, will Macht über dich ausüben. Das gilt immer und überall.

    12:24 12. Juli 2020 Antworten
  • Bettina Tecklenburg

    Genau das ist auch meine Meinung – in jedem der von Ihnen genannten Punkte! Herzlichen Dank für diese “Zusammenfassung”, ich finde mich 1:1 darin wieder!

    13:02 12. Juli 2020 Antworten
  • Heiko Matting

    Sehr schlüssig und fundiert, ohne jeden Eifer. Vielen Dank!

    18:42 12. Juli 2020 Antworten
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