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2. Juni 2020

Meine Meinung steht fest. Bitte verwirren Sie mich nicht mit Tatsachen!

Warum wir lieber eine gute Geschichte als die Wahrheit hören

Welche Matrix ist jetzt eigentlich die Echte?

Die, in der Zehn-, Hunderttausende von Menschen aufgrund des Corona-Virus Covid-19 sterben und keine Hilfemaßnahme ausgelassen werden darf, koste sie was wolle, also auch Hunderttausende von Arbeitslosen, gescheiterte Existenzen, Suizide, unbehandelte Krankheiten und Schäden am Sozialsystem, deren Folgen erst später deutlich werden. Oder die, in der Ursachenforschung betrieben und auf Basis von Erkenntnissen (wie einen Fall-Verstorbenen-Anteil (IFR) von 0,36% mit einem Ansteckungsrisiko von 15% innerhalb eines Haushaltes und das in einem Hotspot) Kritik an der Notwendigkeit zahlreicher Maßnahmen geübt wird? Die, in der man die Welt in zwei Gruppen teilt und sich trotz unklarer Faktenlage in Zweifellosigkeit wiegt, während den Anderen Unzurechnungsfähigkeit attestiert wird? Oder die, in der Fassungslosigkeit herrscht, in Anbetracht der Tatsache, dass unreflektierte Angepasstheit zur Norm wird und Kritik als Verschwörung gilt?

Es ist komplex.
Herzlichen Glückwunsch, wenn Sie denken durchzublicken, das könnte daran liegen, dass Sie es sich einfacher machen als es ist. Aber keine Sorge, das ist völlig normal.

Olaf Sundermeyer erklärt ab 3:50 Min. die Zusammensetzung “des Widerstandes”

Die Maske

Berlin in den letzten Wochen: Passanten klammern sich an ihre Masken und wollen gar keine Argumente hören. Desinfektion soll anfangs nur in Maßen (Achtung, nicht Massen) angewendet werden, Mundschutz ist eigentlich unnötig. Aber was interessiert uns unser Geschwätz von gestern. Seit April gilt bundesweite Maskenpflicht, was, je nachdem wen man fragt, als viel zu spät gilt. Und auch dafür findet sich mittlerweile ein rationales Argument: Es gab einfach keine, wie Virologin Dr. Melanie Brinkmann kürzlich verlautbart. Richtig gelesen, die Einführung der Maskenpflicht ließ nicht auf sich warten, weil Masken nichts bringen, sondern aufgrund von Lieferengpässen und Wucherpreisen, was im Umkehrschluss bedeutet, dass man uns schutzlos einem tödlichen Virus ausgesetzt hat um nicht zugeben zu müssen, dass man Out of Stock ist. Doch um genau zu sein, heißt das gute Teil Mund-Nasen-Schutzmaske (MNS). Wenn Sie aber denken, es gibt nur die MNS-Träger, dann irren Sie sich. Es gibt auch die Mund-ohne-Nasen-Schutzmaske, die Kinn-Schutzmasken, die Hals-Schutzmasken, die Auto-Rückspiegel-Schutzmasken, die gerne-und-oft-wiederverwendet-Schutzmasken, die bunten und die stylischen, die zum Rest des Outfits passen, die industriell gefertigten oder die selbst gemachten, sog. Community Masken (eine bemerkenswerte Bezeichnung für etwas, dass alles andere als Community bewirkt) – man ist eben Optimist und macht das Beste aus der Sache.

Es scheint vielen Menschen völlig egal, sie hängen sich alles vor die Schleimhäute, wenn’s gesagt wird, selbst wenn die Zahlen in Deutschland konstant rückläufig und die Maßnahmen nicht als Zäsuren im Verlauf der Kurven erkennbar sind.

Die Regels sind die Regels, um es mit den Worten von Marc Terenzi aus dem Dschungelcamp zu sagen.

Sie werden gemerkt haben, dass ich mir ein bisschen Humor nicht nehmen lasse, ich halte es wie folgt: Lieber Humor als eine stilvolle Maske. Übrigens, ein gutes Mittel um mit Widrigkeiten umzugehen. So konnte ich mich persönlich bisher entweder erfolgreich widersetzen oder jegliche Situationen meiden, in denen ich eine Maske hätte einsetzen müssen, und ich will, sofern möglich und aushaltbar, auch Sie dazu ermutigen (Video). Die Maske hat nämlich weniger eine Schutzfunktion, sie hat vor allem eine Signalwirkung.

Die Anderen

Auf der anderen Seite haben wir die Hygiene-Demonstrationen, Zusammenkünfte auf öffentlichen Plätzen, auf denen Menschen, die Einschränkungen der Grundrechte und ihre Existenzbedrohung anprangern. Aus der Kritik gegen die Maßnahmen der Regierung zur Abwendung eines medizinischen Notstandes, ist eine Bewegung entstanden, innerhalb derer sich verschiedenste liberale, linke, rechte, extremistische, antisemitische, parteilose, esoterische, intellektuelle und andere Meinungsträger wiederfinden, diese für ihre Zwecke nutzen oder auch nicht, aber sich in jedem Fall an der Kritik beteiligen. Journalisten wie Olaf Sundermeyer sezieren in Talkrunden wie Markus Lanz (siehe oben), in vermeintlich differenzierter Manier welche Personen dort eigentlich teilnehmen und warum. Am Ende ist es doch egal, es sind die Anderen. Die Einen haben Recht und die Anderen haben einen Sprung in der Schüssel.

Und diese Anderen einigt nicht etwa das Thema der Unverhältnismäßigkeit oder Grundrechtsforderungen, sondern allgemeine Systemfeindlichkeit. Gut. Nun kann man sich streiten bis zu welchem Maß Themen (wie z.B. Lobbyismus und das Gesundheitssystem) mit einander in Verbindung gebracht werden sollten. Oder man kann es dabei belassen und selbst die zunächst mal wildeste Theorie akzeptieren. Denn auch das sollte keinen Grund darstellen Verurteilungen nach dem Gießkannen-Prinzip vorzunehmen und mittels Begriffen wie Verschwörungstheorie oder Aluhut für Stigmatisierungen zu sorgen.

Warum wir dazu neigen, solche Zuschreibungen vorzunehmen, spielt in der Sozialpsychologie eine große Rolle und wurde vielfach mit dem sog. fundamentalen Attributionsfehler (Lee Ross, 1977) beschrieben. Es handelt sich um die Neigung das Verhalten von Personen direkt ihrer Persönlichkeit zuzuschreiben und situative Bedingungen oder allgemein äußere Faktoren bei der Ursachenzuschreibung zu unterschätzen. Genau das erleben wir allerdings, wenn Personen als Verschwörungstheoretiker, in jedem Falle als schlechte Menschen, bezeichnet werden. Persönlichkeitstheorie gilt als weitestgehend überholt, denn sie greift zu kurz. Bei der Beurteilung warum sich Menschen auf eine Weise und nicht auf eine andere verhalten, werden starke in der Situation liegende Gründe, die z.B. zu hohem Konformitätsdruck führen, immer wieder vernachlässigt. So lassen sich z. B. weder Täter noch Mitläufer des Holocausts einfach als Psychopathen oder Sadisten „entschuldigen“, die keinen Schaden mehr anrichten können. Vielmehr war der Holocaust möglich, weil es sich um eine Situation handelte, in der wirtschaftliche, politische, soziologische und psychologische Aspekte zusammenkamen. „Leider tendieren wir dazu, aus vergangen Situationen wenig zu lernen, da der sogenannte gesunde Menschenverstand sich oft als falsch oder zu simpel herausstellt.“ (Aronson, Wilson, Akert, 2004). Wir unterschätzen schlicht weg den sozialen Einfluss unseres Umfelds, welcher nach anerkanntem aktuellen wissenschaftlichen Stand weitaus mehr unsere Gedanken, Gefühle und unser Verhalten beeinflusst als uns bewusst ist.

Die Werbeindustrie und Werbetreibende bedienen sich nicht zuletzt in und dank Social Media, Influencer Marketing und Reality TV-Shows eben dieser Effekte. Andere Personen, die als Meinungsführer gelten und über Autorität auf einem Gebiet oder Thema verfügen, haben einen starken Einfluss auf die (Kauf-)Entscheidungen von anderen Personen. Sie geben Produkten oder Dienstleistungen über eine anerkannte Autorität Glaubwürdigkeit und die Sicherheit, dass wir uns nicht ausschließlich auf unser Urteil verlassen müssen. Al Ries und Jack Trout führen in ihrem Buch Positioning, ein Klassiker zum Thema Markenführung im Verdrängungswettbewerb, folgendes Beispiel an: „Allen Funt, der Vater der Fernsehshow Candid Camera (Die versteckte Kamera), hat die Schattenseiten dieser Tendenz, einer Autorität zu vertrauen, untersucht. Das größte Übel, und ich habe es wieder und wieder beobachtet, sagt Funt, ist die leichte Lenkbarkeit der Menschen durch eine bestimmte Autorität oder auch nur den geringsten Anschein von Autorität. Wir stellten ein Schild ‚Delaware heute gesperrt’ an der Straße auf. Und die Autofahrer hatten keinerlei Zweifel. Stattdessen fragten Sie: Ist New Jersey denn frei?

Die Tendenz konform zu sein ist ständig gegeben. Was passiert, wenn soziale Normen und Drucksituationen dazukommen, wurde in den Ash-Studien, Studien von Cialdini oder auch Experimenten von Stanley Milgram untersucht. Diese erklären u.a. warum Massenmorde in Sekten wie der von Jonestown begangen wurden, warum im Vietnamkrieg Zivilisten-Opfer möglich waren, wie gefälschte Satelliten Fotos als Grund für den Irak-Krieg dienen konnten, warum Menschen in Innenstädten zuschauen, wie einzelne Bürger/innen mit Pappschildern in der Hand von uniformierten Polizisten verhaftet werden. Vor allem Milgrams Experimente (1963, 1974, 1976) sind recht bekannt, da sie wichtige Erkenntnisse liefern, warum Menschen Autoritäten gehorchen. Kurz: Er konstruierte Situationen, in denen Probanden an Untersuchungen über das Gedächtnis teilnahmen und instruierte die Lehrer in der Experimentalsituation den Schülern Elektroschocks zu versetzen um die Effekte von Strafe auf ihr Lernen zu erforschen. Es gab lockere Bedingungen ohne Vorgesetzten und strenge Bedingungen mit Anweisungen „von oben“, andere anwesende Teilnehmer oder nicht. Trotz des Wissens, dass Elektroschocks ab einer gewissen Anzahl von Volt lebensgefährlich für die Schüler werden könnten, gingen 80% der Lehrer aufs Ganze und verabreichten (sie nahmen es zumindest an) 480 Volt. Der normative Druck – also das, was als richtiges Verhalten gilt – machte es den Personen sehr schwer sich zu weigern. Zudem legte jeder Schock den Grundstein für den Folgeschock, der zu Dissonanz geführt hätte, wäre man nicht fortgefahren, weswegen sie den Prozess mittels Selbstrechtfertigung aufrechterhielten. Sie verhielten sich konform, aus sozialem und innerem Druck, aber auch aus Angst eines blamablen Verhaltens gegenüber dem Vorgesetzten und den anderen Probanden, der einsame Abweichler zu sein.

Cialdini und Ash zeigten, dass Menschen ihre öffentlichen Meinungen in Gruppen in Folge des informativen sozialen Einflusses, anpassten, obwohl sie zuvor anderer Meinung waren. Der informative soziale Einfluss hilft Menschen dabei die Realität zu definieren, je unsicherer die Situation, desto mehr suchen wir nach Informationen in unserem sozialen Umfeld und nutzen andere Menschen um zu erkennen, wie wir reagieren sollen. Salomon Ash stellte insbesondere fest, dass Personen mit einem niedrigen Selbstwert ein besonders Bedürfnis nach Anerkennung haben und dazu neigen konform zu gehen. Je größer dabei die Gruppe, desto unwahrscheinlicher ist es, dass Personen ausbrechen.  

Was ist zu erwarten, wenn diese Mechanismen in den echten Leben und im echten Umfeld wirken und es sich nicht nur um ein konstruiertes Experiment handelt? Und wo muss Gehorsam oder Konformität enden und fängt persönliche Verantwortung an?

Aktuell wird Non-Konformismus als unmoralisch betrachtet statt eine realitätsnahere Erklärung für das Verhalten „der Gegner“ zu berücksichtigen. Zum Beispiel die Reaktanz Theorie. Reaktanz wird natürlich hervorgerufen, wenn Menschen das Gefühl haben, dass ihre Freiheit zu handeln oder zu denken wie sie wollen, eingeschränkt oder bedroht ist, insbesondere, wenn eine verhältnismäßige Begründung fehlt den persönlichen Nachteil zu akzeptieren. Nicht selten ist die Folge, dass die bedrohte Handlung vermehrt ausgeführt wird, weswegen Verbote sowohl wenig in der frühkindlichen Erziehung bringen als auch im Umgang mit einem ganzen Volk fragwürdig sein sollten.

Ein gefährlicher Aspekt auf den darüber hinaus der Wiener Psychiater Raphael Bonelli in diesem Video im Umgang mit Non-Konformisten verweist: Er warnt davor gegensätzliche Denkweisen zu pathologisieren, da so die Psychiatrie dazu missbraucht würde Konformität herzustellen. Die Aufgabe der Psychiatrie sei nicht Menschen umzuerziehen oder ihre Meinungen umzudrehen, und verweist dabei auf das Vorgehen totalitärer oder kommunistischer Regime, wie zum Beispiel in der DDR oder der Sowjetunion, die die Mittel der Psychiatrie politisch missbrauchte um Andersdenkende, die der Regierung gefährlich wurden, auszuschalten, in dem Menschen als psychisch krank und unglaubwürdig abgestempelt bzw. auf psychiatrische Stationen eingeliefert wurden. An dieser Stelle sei ohne weiteren Kommentar der (verworfene) Vorschlag der sächsischen SPD-Abgeordneten Köpping oder der unaufgeklärte Fall der Rechtsanwältin Bahner zu nennen.

Der Fokus verrückt von der Sache, dem Inhalt, dem Argument, der These, auf die Geisteshaltungen, die Parteizugehörigkeiten, die Bewertung über Zurechnungsfähigkeiten von Menschen und sonstige Kategorien, die begründen, warum Berücksichtigung und Auseinandersetzung nicht notwendig ist.

Falschinformationen schädigen zweifelsfrei dem Zusammenhalt in einer Gesellschaft. Fehlattributionen und falsche Konformität allerdings auch. Gegen Fake News gibt es vergleichsweise ein einfaches Mittel: Falsifizierung. Man mache aus einer Falschinformation eine These und widerlege sie, indem man sie überprüft. Et voila, es existieren belastbare Fakten, die Spekulationen ihren Nährboden entziehen oder eben nicht. Auch wenn man sich den wahrscheinlichen Hintergründen nur annähern kann, so ist dieser Weg doch ein einigender und produktiverer als die Vermeidung der Auseinandersetzung.

Doch heute reicht schon Plausibilität um Kausalität zu begründen, so z. B. das Narrativ, dass ein Lockdown, der notwendig ist um das Gesundheitssystem nicht zu überfordern, ursächlich für eine erfolgreiche Entwicklung der Infektionszahlen war, oder das Präventionsparadoxon. Dem aufmerksamen Mediennutzer wird dieser Begriff in den letzten Tagen bereits untergekommen sein …

Die Rechtfertigung

Da Kritik nach wie vor nicht ausbleibt, sieht sich der/die ein(e) oder andere Politiker/in, Virologe/in bzw. Befürworter/in einer Rechtfertigungssituation ausgesetzt und wendet dabei das hätte-könnte-würde-Spiel an. Hätte man es besser gewusst, dann hätte man es anders gemacht.

Nach der Verdopplungszahl (Vorsicht), der Reproduktionszahl (mehr Vorsicht) und der zweiten Welle (Angst) kursiert nun das Präventionsparadoxon (Rechtfertigung) in Befürworter-Kreisen, so z.B. in der oben stehenden Lanz Sendung vom 05. Mai, in der Psychologie und Kommunikation Kernthemen sind, obwohl kein einziger der Diskussionsteilnehmer weder Psychologe noch klassischer Kommunikationsexperte ist, in diesem Beitrag oder in diesem Beitrag. Bereits Kommunikationstheoretiker Paul Watzlawick kannte dieses Phänomen und beschrieb es mit folgendem Gleichnis: 

Ein Mann geht durch die Straße einer Innenstadt und klatscht in die Hände.
Ein verwunderter Passant fragt ihn, “Was tun Sie da eigentlich?“
Der Mann antwortet: „Ich verjage Elefanten.“
Darauf erneut der Passant: „Aber hier gibt es keine Elefanten!“
Der Mann: „Sehen Sie, weil ich geklatscht habe.”

Die Moral von der Geschicht’: Es sollte sehr genau differenziert werden, ob Ursache und Wirkung wirklich zusammenhängen oder nicht.

Mit dem Präventionsparadox ist gemeint, dass die Begründung für eine Präventionsmaßnahme sich selbst abnutzt, wenn die Prävention erfolgreich ist, zum Beispiel, dass Kontaktverbote nicht weiter notwendig sind, da kein Grund besteht. Befürworter erheben dabei den Anspruch, dass es nur so gekommen ist wie es gekommen ist, weil man so gehandelt hat, wie man gehandelt hat. Was ist aber das Problem am Präventionsparadoxon? Im Gegensatz zu den sog. Verschwörungsthesen (eine könnte z.B. lauten: Bill Gates nimmt durch seine Stiftung über die Finanzierung von Instituten wie der WHO oder des RKI indirekt Einfluss auf die Bundesregierung), kann eine Sache, die als notwendig erklärt wird, da sich sonst in der Zukunft im Umkehrschluss eine Folge x ergeben hätte, nicht falsifiziert werden. 

Unfalsifizierbare Argumente machen eine Diskussion schwierig. Sie bereiten aber den Weg für eine Eskalation von Rationalisierungen, die sog. Rationalisierungsfalle, vor – eine Kette von irrationalem Verhalten, das die Folge von Selbstrechtfertigung ist. Dabei bauen wir eine Bühne auf, auf der wir unsere Handlungen und Dummheiten immer weiter steigern, weil wir vermeiden wollen, uns als dumm oder irrational vorzukommen.

Zum anderen wird hier eine beliebte (fälschliche) Attribution vorgenommen, die darin besteht, sich selbst vornehmlich Erfolge zuzuschreiben, während Misserfolge auf äußere Umstände zurückgeführt werden. Auch, dass Menschen ohnehin dazu neigen Kausalitäten herzustellen wo keine (oder lediglich Korrelationen) sind, führt leider dazu, dass der rekonstruierbare Höhepunkt der Infektionszahlen, welcher bereits vor dem Lockdown lag, unterproportional berücksichtigt wird, was irrational ist. Was noch?

Kognitive Leichtigkeit

Wie bereits im vorherigen Artikel dieses Blogs aufgeführt, liegt zweifellos eine angstinduzierende Situation vor, durch die wir stark dazu neigen die Gefährlichkeit der Bedrohung zu überschätzen. Warum aber ist die Mehrheit so überzeugt?

Wird unsere Welt erschüttert, wird dissonanzreduzierendes Verhalten dafür sorgen, ein Gefühl der Stabilität und unser Selbstwertgefühl zu erhalten, um Schreck oder Ängste, wie die Angst vor dem Tod oder den Verlust von Gesundheit zu bewältigen. Weder Paradoxon noch Dissonanzen sind Dinge, mit denen wir lange gut leben können. Plausible Narrative und ein Wiegen in Sicherheit bei völliger Ahnungslosigkeit jedoch beruhigen.

Neben der Angst als einflussgebenden Grund bei der Bewertung der Situation sowie der Konformität in Folge eines sozialen Einflusses, ist somit eine dritte Variable nicht unerheblich für die Überzeugtheit der Mehrheit: Die erlebte kognitive Leichtigkeit mit einem Sachverhalt.

Was bedeutet das? Es bedeutet, dass Überzeugungen, die Menschen bilden, davon abhängen wie leicht sie eine Geschichte erzählen können.

Die Kognitionswissenschaften lehren uns weit und breit warum, wann und wie es sich Menschen kognitiv einfach machen. Im Wesentlichen liegt das an der Art und Weise wie der menschliche Wahrnehmungs- und Bewertungsapparat aufgebaut ist, nämlich im Groben aus zwei Systemen. Während das eine unterbewusst, schnell, emotional und intuitiv, quasi im Autopilot abläuft und assoziativ arbeitet, ist das andere für rationales, bewusstes Denken zuständig. Nach aktuellem Wissensstand läuft die Verarbeitung von äußeren Reizen immer erst automatisch ab. Sind diese nicht neu und können sie von unserem Autopiloten gehandelt werden, so wird weiter nicht viel passieren. Erfordert die Situation jedoch ein Eingreifen unseres Bewusstseins, so erfolgt eine kontrollierte Auseinandersetzung, deren Ergebnisse schließlich dem automatischen System zur Verfügung gestellt werden, so dass für die Zukunft eine weitestgehend mühelose Verarbeitung der neuen Erfahrung möglich wird. Im Zustand der kognitiven Leichtigkeit sind wir gut gelaunt und mögen das was wir sehen oder hören, denken eher oberflächlich darüber nach und vertrauen dem Ganzen. Wenn wir nicht wissen, wie wir einen Sachverhalt beurteilen sollen, dann werden wir dazu tendieren, dem zu glauben, bei dem wir eine gefühlte Mühelosigkeit des Denkens wahrnehmen. Dies ist der Fall, wenn Erklärungen einfach nachvollziehbar sind und wir mit ihr gut argumentieren können (z.B. dass Bilder aus dem Ausland mehr als Worte sprechen, dass das Gesundheitssystem nicht zusammenbrechen dürfe, dass alle, die was anderes sagen, spinnen).

Die Entscheidungsbildung kann dabei affektiv, kognitiv oder konativ erfolgen, also auf Gefühlen, auf objektiven Bewertungen oder auf Verhaltenserfahrungen basierend. Angst ist eine starke Emotion. Sie hemmt das rationale Denken und begünstigt affektiv basierte Einstellungsbildung, was uns anfällig macht für Assoziationen und leicht zu verarbeitende Informationen. In emotionalen Kontexten bilden wir unsere Einstellungen aber auf dem, das uns zugänglich ist, wir berücksichtigen nicht, wenn uns Informationen fehlen und vernachlässigen Basisraten. Die Einstellungsstärke – wie schnell uns Informationen und Gefühle zu etwas in den Sinn kommen und wir darüber berichten können – ist erheblich wie überdauernd unsere Entscheidung ist.

Brenner, Koehler und Tversky (1996) führten eine Studie zu einseitigen Informationen durch, indem sie Probanden einen Rechtsfall zur Beurteilung gaben. Einige Probanden hörten beide Seiten, andere nur eine. Obwohl die eine Gruppe über ausgewogenere Informationen verfügte, konnte die andere sich die Gegenargumente gedanklich vorstellen. „Dennoch wirkte sich die Präsentation einseitiger Informationen sehr stark auf die Urteile aus. Außerdem waren sich die Probanden, die nur einseitige Informationen erhielten, ihrer Urteile viel sicherer als Probanden, die beide Seiten hörten. Genau das würde man erhalten, wenn die Stärke der inneren Überzeugung, die man erlebt, von der Kohärenz der Geschichte abhängig ist, die man aus den verfügbaren Informationen konstruieren kann. Die Konsistenz der Informationen, nicht ihre Vollständigkeit, ist das was für eine gute Geschichte maßgeblich ist. Tatsächlich ist es so: Es ist leichter, alles, was man weiß, in ein kohärentes Muster einzupassen, wenn man wenig weiß.“ Nur das zu erzählen was man gerade weiß, erleichtert es, kognitive Leichtigkeit zu erreichen, die dafür sorgt, dass wir eine Aussage als wahr akzeptieren. Dabei spielt die Formulierung eine Rolle, denn ein- und dieselbe Information kann ein beruhigendes oder erschreckendes Framing erzeugen, z.B. durch Umkehrung (ist eine Wurst 90%ig fettfrei oder hat sie nur 10% Fett) oder Weglassen von statistischen Verhältnissen (ist „viel“ noch viel im Verhältnis zu durchschnittlich).

Gute Markenkommunikation entlastet ebenfalls das Denken, man spricht von einer kortikalen Entlastung, denn diese arbeitet mit impliziten Codes (wie Farben, Formen, Bildern, Musik, klaren Texten), erzeugt Stimmungen, wirkt selbst belohnend und bringt Botschaften auf den Punkt. Sie spricht die Sinne an, macht eine einfache Verarbeitung der Inhalte möglich in dem beabsichtigten Rahmen, erleichtert die Entscheidungsfindung, denn sie verwendet bildhafte Sprache und erzählt zusammenhängende Geschichten mit einem erinnerbaren Spannungsbogen, gespickt mit menschlichen Sehnsüchten, Bedürfnissen und Motiven. Für ein Markenprodukt entscheiden sich Personen nicht aus rationalen Argumenten, sondern weil sie mit den Werten übereinstimmen. Adressiert kommerzielle oder politische Kommunikation unser Innerstes und beliefert uns gleichzeitig mit der passenden Erzählung, so stehen die Chancen nicht schlecht, dass wir ihr unser Vertrauen schenken. Dabei gibt die strategische Kommunikation auf dem Weg zur affektiven Einstellung rationale Argumente mit, die dazu genutzt werden können um die Entscheidung gegenüber Dritten vermeintlich rational begründen zu können. Rationale Argumente aktivieren darüber hinaus den zentralen Weg der Informationsverarbeitung und machen die Entscheidung lang anhaltend, getroffen wird sie aber auf Basis des Bauchgefühls.

Das Paradoxe ist, dass mit derselben Begründung erklärt wird warum (gefühlt) das halbe Land aus Verschwörungstheoretikern besteht. So diene Verschwörungstheorie dazu die Komplexität der Welt zu reduzieren um wieder klar zu kommen. Das Gegenteil ist meiner Ansicht nach der Fall, denn sich an Autoritäten zu orientieren, ist deutlich unreflektierter und einfacher als sich der sozialen Missbilligung auszusetzen. Befürworter positionieren Gegner so pauschalisiert und liefern sich gleichzeitig die Legitimation über kontroverse Ansichten schlichtweg nicht mehr nachdenken zu müssen.

Die derzeit viel geteilte Wissenschafts-Journalistin, die einen katastrophalen April vorhersagte, sagt, dass die Pandemie erst endet, wenn wir einen Impfstoff haben. Ich habe die starke Befürchtung, dass die Pandemie erst endet, wenn die Kommunikation und die Botschaften sich ändern.

Zusammenfassung

„Meine Meinung steht fest, bitte verwirren Sie mich nicht mit Tatsachen!“ – Wenngleich der Ursprung dieses Zitats unbekannt ist, es enthält eine treffende Aussage. Wir machen es uns einfach. Meiner Ansicht nach zu einfach, wenn wir uns als Helfer in der Not trotz unklarer Faktenlage und einseitiger Kommunikation im Recht sehen. Dabei nutzen Befürworter unbewusst ein Potpourri an Phänomenen der Psychologie um ihre Position zu rechtfertigen, während unsere Medien diese Haltung reproduzieren und ein entsprechendes Stimmungsbild erzeugen. Auf diese Überzeugung trifft aber eine mittlerweile komplexe Gegenargumentation aus verschiedensten Richtungen, auf Basis von nachvollziehbaren Fakten und Spekulationen, die pauschal instrumentalisiert wird, um das eigene Narrativ noch weiter zu festigen und zu erhalten. Denn Menschen suchen alles in allem nach kognitiver Leichtigkeit, nicht unbedingt nach der Wahrheit.

Solange Überprüfung durch Stigmatisierung ersetzt wird, wird der Problematik lediglich ausgewichen. So haben wir eine Zeit, in der Personen ein Risiko eingehen persönlich diskreditiert zu werden, wenn sie die drei Begriffe Bill Gates, Corona-Virus und Zweifel in unmittelbarer Nähe zueinander nutzen. Das ist bedauerlich. Jede Krise zeigt, woran es auch fehlt. Hierzu ein paar Ideen: Werte wie Mut und damit die Fähigkeit zu mutigen Entscheidungen nach einem gesunden Zweifel und hinreichender Abwägung, den Mut selbst zu denken, den Mut zur Kontroverse, zur Reflexion und dazu Autoritäten zu hinterfragen. Den Mut zur Selbstverantwortung versus Verbot.

Die Befürworter rechtfertigen sich mit der Pflicht zur Vorsicht und Vorbeugung. Es ist eine Frage der Verhältnismäßigkeit. Wenn wir konsequent den Weg der Vorsicht gingen, müssten wir das Leben verbieten. Und wir müssten konsequent Massentierhaltung abschaffen, Ausgaben weniger für Medikamente als die Stärkung des Immunsystems vornehmen, die Aufklärung über gesunde Ernährung fördern, viel stärker in die Anhebung des Bildungsniveaus investieren, Medienkompetenz schon bei Kindern etablieren, und und und.. Uninformiertheit schafft Ungleichgewicht. Bildung dagegen befähigt uns zu risikobewussten Entscheidungen und reduziert irrationales Verhalten verursacht durch Angst oder dem Wunsch nach kognitiver Einfachheit. Wir würden eher weniger zu übermäßigem Vertrauen in Andere tendieren, die dann unkorrigiert über unser Leben entscheiden. Wir würden unsere Überzeugungen weniger auf leicht zugänglichen Informationen gründen und Manipulationsversuche eher erkennen.

Weltweit kämpfen Menschen um ihre Rechte, geben dafür ihr Leben auf, werden verhaftet oder getötet. Wir in Deutschland nähen bunte Masken und treten Grundrechte mit Füßen. Noam Chomsky, emeritierter Professor für Linguistik und Kognitionswissenschaftler am MIT (USA) positioniert sich zur freien Meinungsäußerung wie folgt: Er sagt, dass sie vor allem für Meinungen gilt, die man ablehnt, denn jeder ist für freie Meinung, solange man gleicher Meinung ist. Ob man aber wirklich für freie Meinungsäußerung ist, zeigt sich erst, wenn man sie noch hochhält, bei Ansichten, die man selbst ablehnt. Demonstranten als die Anderen, als unzurechnungsfähige Spinner zu betrachten, ist kein Akzeptieren, es ist ein Dulden, und mit Experteneinschätzungen wie Dr. Bhakdi oder Dr. Wodarg respektlos umzugehen (z. B. als vergleichsweise No-Name Redakteur), sagt mehr über die Beurteiler als die Beurteilten aus.

Und was können wir daraus lernen und für die Unternehmenskommunikation mitnehmen? Zum einen können Sie überprüfen, ob Sie zukunftsfähig aufgestellt sind, ob Ihr Unternehmen auch in Zukunft relevant ist und für wen, ob Ihre Kommunikation in der Lage ist, dass Ihre Kunden auch auf Sie zukommen und nicht nur Sie zu Ihren Kunden. Sie können als Unternehmen jetzt Haltung beweisen und Ihre Werte deutlich machen, in Austausch kommen, der zuvor vielleicht gar nicht denkbar gewesen wäre, und so Sichtbarkeit bekommen. Zum anderen können wir erkennen, wie machtvoll Kommunikation sein und in wieweit sie in die Köpfe und Herzen von Menschen gelangen kann, worauf ich in meinem nächsten Artikel zur viralen Kommunikation versuchen möchte einzugehen. So können Marken genauso wie Sachverhalte mit Bedeutung und Emotionen aufgeladen werden, denn die Dinge haben die Bedeutung, die wir Ihnen geben. Halten Sie die Ohren steif (Y).

Veröffentlicht in Kommunikation, Psychologie
2 Kommentare
  • Pierre Lässig

    Einer der besten Beiträge zum Thema. Gut, dass es noch so klare Geister gibt.
    Bitte mehr davon und DANKE.

    12:33 1. Juni 2020 Antworten
    • Rudolf Brulz

      Danke! Ein wichtiger Beitrag, weil er einzigartig die beiden Kulturen der Zustimmenden und der im Widerstand Befindlichen filetiert und viele Anregungen gibt für erfolgreiches Steuern von Gruppen, Unternehmen oder mehr …

      15:25 3. August 2020 Antworten
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