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8. Januar 2018

John Cage „Silence“ – Die Macht des Unsichtbaren

Existiert es nicht, nur weil wir es nicht hören?

Vielleicht fragen Sie sich jetzt „Das soll Musik sein? Welche Musik?“, was wiederum der Frage „Ist das Kunst oder kann das weg?“ ziemlich Nahe kommt. Tja und das kann man Ihnen für’s Erste zumindest gar nicht verübeln. Aber ich möchte folgende Gegenfrage stellen: Muss es denn hörbar sein, damit es existiert? Und ist das nicht etwas überheblich?

Grundsätzlich kann man schon einmal anerkennen, dass etwas, das so viele Fragen aufwirft, nicht völlig wertlos sein kann. Zum anderen ist das was wir da hören oder nicht hören vielleicht auch subjektiv oder individuell? Vielleicht könnten wir ja die Perspektive ändern um eine Antwort zu finden, vielleicht könnten wir einmal mehr Nachdenken als zu erwarten, die Antwort auf dem Silbertablett präsentiert zu bekommen. Und vielleicht könnten wir unsere Erwartungshaltung einmal überprüfen, wenn wir eine Antwort finden wollen.

Allgemein ist das mit der Stille so eine Sache. Die meisten Personen vermeiden Stille, denn Stille ist oft eines: Unangenehm. Menschen füllen sie aus Unsicherheit mit Worten oder Aktionen oder interpretieren sie fehl. Personaler prüfen Bewerber mittels Stille auf Ihre Belastbarkeit, Paare trennen sich, weil sie sich nichts mehr zu sagen haben, Musikstücke werden entwertet, wenn sie keine Klänge produzieren. Dabei bietet uns Stille doch auch viele Vorteile: Sie bietet unseren Sinnen die Zeit zu reflektieren, zu beobachten und zu Erkenntnissen zu gelangen, die wir im alltäglichen Rauschen nicht sehen. Mit Silence 4’33“ macht John Cage aus Musik Stille und Stille zur Kunst.

Das Gute an Kunst ist, es muss gar nichts. Und daher ist auch Vieles möglich. Kunst kann unterhaltsam oder sozialkritisch sein, es kann mal gegenständlich, mal abstrakt sein, mal eine Botschaft enthalten oder nur ein Experiment sein. Kunst war in der Vergangenheit immer Wegbereiter für neue Sichtweisen und beeinflusst unsere Leben mehr als man in erster Linie denkt, so z.B. die Architektur, das Produktdesign oder die Mode. Sie macht das Unbewusste zugänglich und das Andersartige vertraut. Sie lässt uns offen denken, neugierig bleiben und hinterfragen.

Um doch noch etwas genauer auf das stille Stück des amerikanischen Komponisten, der als Vater der Fluxusbewegung und des Happenings gilt, einzugehen, hier ein Versuch etwas zu erklären, was eigentlich nicht erklärt werden sollte: 4’33 ist das wohl berühmteste Stück von John Milton Cage und regt – offenkundig – zum Nachdenken über Stille und Musik an.

Es ist 16. Jan 2004, London, das Publikum ist gebannt, ein Dirigent betritt die Bühne, das Orchester ist bereit und danach folgt .. wenig. Ein unbewegter Taktstock, ein Wecker, Pausen und irgendwann das Ende. Dazwischen kein Laut, aber wirklich keiner? 4:33 Minuten Rattern in den Köpfen der Menschen.

Der Künstler äußerst dazu:

„There’s no such thing as silence.“ Und weiter: „There is no such thing as an empty space or an empty time. There is always something to see, something to hear. In fact, try as we may to make a silence, we cannot.“

Und genau genommen hören wir auch nicht Nichts. Wir hören den Anfang, wir hören wie der Künstler das Stück in Abschnitte teilt und das Ende, wir sehen also Zeit, wir hören uns und die anderen. Wir hören nur nicht was wir erwarten und schätzen daher gering was wir erhalten. Und selbst alle, die dennoch nichts gehört haben wollen, sie haben zumindest eine Meinung und höchst wahrscheinlich auch irgendeine Emotion entwickelt.

Inspiriert wurde John Cage nach eigenen Angaben zum einen von der Zen-Lehre, deren Ziel es ist die Gedankenflut zu bändigen, und zum anderen durch seine Erkenntnisse aus einer echofreien Kammer: Denn selbst in einem komplett schallisolierten Raum gibt es keine Geräuschlosigkeit, sie hören Herzschlag, Atmung, Ihre Gedanken.

Was hat dieses Stück mit Marken zu tun?

Auch Marken wirken unbewusst. Wir sehen ein Logo, eine CI, telefonieren mit Mitarbeitern des Unternehmens, retournieren ein Produkt, besuchen einen Shop, eine Filiale oder das Social Media Profil. Wenn wir es mit einer starken Marke zu tun haben, dann ist das was passiert, wenn wir mit ihr in Kontakt kommen: Wir haben ein Gefühl. Oft können wir gar nicht artikulieren welches, aber wir haben es dennoch eingeordnet und mindestens als positiv oder negativ bewertet. Abneigung oder Begeisterung, aber nie Nichts. Dennoch ist das was wir in Form von Logo oder Webshop sehen, nur noch die logische und zugleich kreative Ableitung einer Markenstrategie, also „nur“ die Spitze des Eisbergs und deswegen auch so unterschätzt. Logos sind Grafiken, starke Marken sind soziale Konstrukte, die Einfluss auf die Leben von Menschen nehmen.

Veröffentlicht in Kunst
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Erst die Marke, dann der Flyer

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